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Das Bild zeigt eine Mindmap zum Thema 'Was können wir gemeinsam tun'. Foto: Till Christofzik

Foto: Till Christofzik

Rückblick auf eine Tagung der Stiftung Mitarbeit und der Evangelischen Akademie Loccum

Gesellschaftliche Spaltungen überwinden! Aber wie?

Mitgestaltung und neue demokratische Formate zur Überwindung von Spaltungen waren im September 2019 Thema einer Tagung der Stiftung Mitarbeit in der Evangelischen Akademie Loccum. Dort wurde deutlich, wie wichtig es ist, neue Räume sowie Formen des Austausches zu finden und welche große Bedeutung ehrenamtliches Engagement für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben kann.

Ein Bericht von Studienleiter Till Christofzik

Es ist Freitagmittag und ich befinde mich auf dem Weg zum Auswärtsspiel. Das bedeutet lange Anfahrt, Stau und Vorfreude, sprich: alles ist normal. Der Unterschied zu sonstigen Auswärtsfahrten ist allerdings, dass ich statt Trikot ein Hemd trage und es statt ins Stadion ins Tagungshaus geht. Grund dafür ist die Tagung „Spaltungen überwinden! Partizipation und demokratische Innovationen schaffen neue Perspektiven“ der Stiftung Mitarbeit und der Evangelischen Akademie Loccum, eine der Schwesterakademien unserer Evangelischen Akademie im Rheinland.  

Eine Frage der Perspektive
Im Zentrum der Tagung stehen zwei sehr verschiedene Fragen, die gleichzeitig eng miteinander verwoben sind. „Wo existieren Brüche in unserer Gesellschaft?“ Die erste Frage blickt auf Verwerfungen, Spaltungen sowie Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft und nimmt auf diese Weise eine kritische Bestandsaufnahme vor. Mögliche Veränderungen und die Fokussierung auf das, was gelingt, fordert die zweite Frage ein: „Was können wir tun, um einen (neuen) Zusammenhalt herzustellen?“

 

Foto: Till Christofzik

Gemeinsame Visionen des Wandels!?
Zusammenhalt herstellen – kann man das überhaupt? Ist Zusammenhalt nicht etwas, das wachsen muss oder sich nach und nach bildet? Dies waren Fragen, die sich mir persönlich im Vorfeld der Tagung gestellt hatten. Es zeigte sich bereist zu Beginn der Tagung, dass es genug Raum gegeben würde, um diese Frage ausgiebig zu diskutieren. Denn statt mit einer Einführung zu starten, begannen wir mit der intensiven Diskussion von Thesen, die einige Teilnehmende vorbereitet hatten. Auch eine von mir formulierte These wurde diskutiert: „Zusammenhalt braucht die Entwicklung positiver Narrative in Bezug auf den sozialen Wandel und Visionen der Transformation, in denen sich jede und jeder wiederfinden kann.“

Wie können gemeinsame Visionen aussehen und welchen Einfluss können sie haben? Schnell entwickelte sich eine Diskussion, die persönliche Erfahrungen mit einbezog. So schilderte eine der Teilnehmerinnen, dass für sie die Idee eines geeinten Europas etwas war, das sie durch ihr Leben getragen hat. Das Versprechen der Europäischen Union, den Krieg zu überwinden und gemeinsam in Frieden zu leben, schuf für sie und viele andere etwas, das Verbundenheit geschaffen hat, Spaltungen überwand und aus Erschütterung eine gemeinsame Vision entstehen ließ. Ist eine solche Überwindung hin zu etwas Positivem auch in Bezug auf die heutigen Verwerfungen denkbar?

Neue Spaltungen und neuer Protest
Um diese Frage zu beantworten, standen zunächst die Spaltungen innerhalb der Gesellschaft im Zentrum der Debatte. Dabei zeigte sich, dass diese durchaus unterschiedlich wahrgenommen werden. Gibt es tatsächlich eine neue Politisierung der Zivilgesellschaft, die sich beispielsweise in Fußballvereinen, die sich politisch positionieren, widerspiegelt? Oder war das Private nicht schon immer politisch? Gibt es neue Formen von Protest oder ist lediglich mit dem Internet ein neuer Raum des Protestes entstanden? Es folgte ein intensiver Austausch, der vor allem zeigte, dass Räume notwendig sind, in denen wir Themen verhandeln und Streit ausgetragen können. Wir brauchen Strukturen, die versuchen die Konfliktpotenziale des Wandels abzufedern. Im weiteren Verlauf der Tagung wurde insbesondere der Frage nachgespürt, wie diese Strukturen aussehen können. Für mich, als einer der wenigen Teilnehmer aus dem Bereich der Kirchen, stellte sich darüber hinaus die Frage, welche Rolle die Kirchen dabei einnehmen kann.

Foto: Till Christofzik

Es braucht neue Formen der Partizipation
Was dann folgte, lässt sich vielleicht als Kaleidoskop von Erfolgsgeschichten beschreiben. Die vielen kleinen und großen Projekte, die vorgestellt wurden, zeugen davon, was möglich ist, wenn Formate gefunden werden, in denen sich Menschen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. In Ausschnitten konnte man Dorfgespräche kennenlernen, in denen Menschen zueinander fanden; von Kunstprojekten hören, die ganzen Wohnblocks zu einem neuen Selbstverständnis verhalfen; und erfahren, dass in Köln eine kleine Gruppe von Ehrenamtlichen jeden Monat hunderte Menschen ins Gespräch bringt. Insbesondere dieses Engagement von Köln spricht e.V. begeisterte mich durch seinen niedrigschwelligen Ansatz und die innovativen Formate. Die simple Idee heißt, Räume zum Gespräch bereitzustellen. Köln spricht e.V. lädt Menschen zum Gespräch und zum Streit über verschiedene Themen beispielsweise in ein angemietetes "öffentliches Wohnzimmer" ein und macht so Austausch mit Fremden in entspannter Atmosphäre möglich. In diesem Öffnen von Räumen - ganz real oder als "Denkraum" - liegt für mich die Antwort auf meine Frage nach der Rolle der Kirche. Ist es nicht unsere Aufgabe, die Räume zu öffnen, die wir haben, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und die eigene Stimme in den öffentlichen Raum zu tragen?

Gemeinsamkeiten neu und wiederentdecken
Was viele der Projekte einte war der Aspekt, dass Menschen entdecken, dass sie etwas gemeinsam haben. Manchmal war es das gemeinsame Dorf und manchmal eine geteilte Herausforderung… Bestärkt durch die vielen Erfolgsgeschichten auf lokaler und regionaler Ebene nehme ich für mich und meine Arbeit insbesondere die Frage mit, wie wir diese Erfolge auf eine höhere Ebene übertragen können. Was kann uns als Gesellschaft einen? Vielleicht die gemeinsame Verletzlichkeit im Angesicht des Klimawandels? Oder sind es die Herausforderungen des sozialen Wandels? Deutlich ist jedenfalls, dass wir miteinander in Kontakt kommen müssen, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

TC, ms / 25.09.2019


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